Mit auf meinem Zimmer befindet sich seit heute ein Arzt, der eigentlich aus Mauretanien stammt, in Marokko aufgewachsen ist und in Frankreich und Kanada an Elite-Universitäten studiert hat. Sein Name ist Khaled. Er nahm an einem Ärzte-Kongress teil. Wir hatten nachmittags ausreichend Zeit, uns kennen zu lernen, denn es hat sintflutartig geregnet. Khaled ist ein sehr aufgeschlossener Mensch, der in Gesprächen sehr interessiert und begeistert auftritt. Und als Absolvent einer Elite-Uni ist er natürlich auch reichlich pfiffig.

Er erzählte über die Unschiede beim Studieren und Arbeiten in Frankreich, Kanada und USA, u.a.

  • Die Studiengebühren in Kanada betragen ohne Stipendium ca. 60.000 $ pro Jahr (ähnlich hoch den USA), in Frankreich bezahlt man ca. 2.000 €
  • Um an einer kanadischen oder US-amerikanischen Elite-Uni angenommen zu werden, sind gute Noten nicht ausreichend. Man muss Referenzen einbringen und ein knallhartes Interview überstehen, das die charakterlichen Eigenschaften prüft. Auf das Interview hatte Khaled sich 6 Monate vorbereitet.
  • In den Studienkursen und -Praktika wird in Kanada sehr stark auf Zusammenarbeit und gegenseitigen Austausch gesetzt. In Frankreich sei mehr „von oben herab“ unterrichtet worden und man lege Wert auf Förmlichkeit und einzuhaltende Hierarchien. An Austausch besteht wenig Interesse.
  • Das Gesundheitswesen ist (im Gegensatz zur USA) sehr sozial aufgebaut: Alle Kanadier sind krankenversichert, alle Ärzte sind in Krankenhäusern angestellt. Ärzte sind hoch angesehen, verdienen jedoch recht wenig (deutlich weniger als in den USA). Daher herrscht chronischer Ärztemangel. Als Patient sollte man also einige Stunden Wartezeit mitbringen.

Die Unterhaltung mit Khaled war sehr angenehm. Ich durfte zudem ein Lob für die herausragende Leistung der deutschen Fußballnationalmannschaft entgegennehmen 🙂 . Interessanterweise ist er erst der zweite auf meiner Reise, der auf das Thema Fußball-WM kommt. Schade, ich habe gehofft, mich häufiger im Ruhm „unserer Elf“ sonnen zu dürfen 😉

Kurz vor dem Einschlafen, ich war im Bett liegend an meinem Laptop beschäftigt, hörte ich hinter mir ein unverständliches Nuscheln und nahm an, dass Khaled mich ansprach. Ich drehte mich um, wollte gerade nachhaken und sah mich Khaled gegenüber, der auf seinem gen Osten ausgerichteten Gebetsteppich kniete und betete. Ich erschrak … wusste aber nicht warum. War es wegen der unerwarteten Situation, wegen des für mich ungewohnten islamischen „Rituals“ oder wegen der dumpfen, in Deutschland vorherrschenden Assoziation zwischen Islam und Terror? Als ich mir der Frage bewusst wurde, musste ich über meine Reaktion schmunzeln.

Eigentlich hätte ich es ahnen können: sein Name, die arabischen Schriftzeichen auf seinem iPhone: Khaled ist Moslem. Das Beten gehört zu seinem Glauben dazu. Das lässt weder Rückschlüsse auf Beruf oder Gesinnung zu, noch umgekehrt. Punkt.

Ich drehte mich um und kehrte mich wieder meiner Arbeit am Laptop zu … natürlich leise. Ich wollte Khaled nicht stören.

Kategorien:  🌎 Runde 1USA

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