Und schon ist mein letzter Tag in Dakar. Die Erkältung hält noch an mir fest. Aber zumindest die Kopfschmerzen sind verschwunden. Daher will ich heute noch ein wenig von Dakar sehen. Ich werde die Insel Gorée besuchen.

Der Wachmann lotst mich zu einem gewissen Caye. Er fährt mich in seinem Privatauto ans andere Ende von Dakar. Auf der Hinfahrt erledigt er noch einen Behördengang und lässt mich für ein paar Minuten auf einem Parkplatz im Randgebiet von Dakar stehen, mit lauter merkwürdig dreinschauenden Typen. Einer trägt ein BVB-Trikot. Ich traue mich trotzdem nicht, ihn anzusprechen.

Ist denn heute Markt auf der Autobahn? Ich sehe lauter zerbeulte Renault 19, 21, und alte Citroen & Peugeot – das Beste aus den 80ern & 90ern. Sie formieren sich zu einen Stau. Entlang des Staus laufen viele Verkäufer. Sie verkaufen Brillen, Bilder, Spiegel und Getränke. Tja, der Markt hat Rush Hour … oder umgekehrt.

Wir kommen am Fährhafen an. Caye gibt mir seine Telefonnummer. „Gib mir Bescheid, wenn ich dich abholen soll.“ Ich mache ihm klar, dass mein Handy in Senegal nicht funktioniert.

Er gibt mich samt Telefonnummer an jemanden am Fährhafen weiter. Er soll sich um mich kümmern, auch den Anruf für mich übernehmen. Der gibt mich weiter an jemanden, der sehr gut englischt und sich als Guide vorstellt. Ich bin guter Dinge, das letzte Glied des Durchreichens erreicht zu haben.

Der Guide und ich kaufen je ein Ticket und betreten den Sicherheitsbereich des Fährhafen … zumindest ich betrete den Bereich. Mein Guide hat anscheinend ein falsches Ticket bekommen. Er läuft zum Ticketschalter zurück. Ich warte verdutzt im Sicherheitsbereich. Er ist außerhalb meiner Sichtweite. Gut, dass ich ihn im Voraus bezahlt habe. Nach 5 Minuten kehrt er zurück. Ich atme auf.

Man muss bei der manchmal chaotischen Organisation in Afrika schon etwas Geduld und Vertrauen mitbringen. Letztlich läuft dann alles gut … meist zumindest.

Beim Warten auf die Fähre erzählt der Guide viel über …

  • Religion: Es gibt über 90% Muslime in Senegal. Die Araber brachten den Glauben im 7. Jahrhundert als Händler ins Land. Die Senegalesen leben den Islam jedoch etwas anders. So gibt es hier keine Verschleierung, das Gottesverständnis ist ein anderes, teils gemischt mit traditionellen Naturgöttern, und sie glauben an die Wiedergeburt. Aus diesen Gründen und aufgrund der Hautfarbe würden die afrikanischen Muslime von den Arabern diskriminiert und als minderwertig betrachtet.
  • Sprache: Französisch ist die offizielle Sprache, die „nationale Sprache“ ist jedoch Wolof. Was ich noch nicht wusste: Wolof ist die Sprache des größten Stammes im Land. Die meisten wachsen mit Wolof auf und nutzen es im täglichen Gebrauch.
  • Wirtschaftsunion: auch in Afrika gibt es Wirtschaftsunionen wie die EU, z.B. die Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion UEMOA mit u.a. Guinea, Elfenbeinküste, Senegal & Mali. Sie sei jedoch nach 5 Monaten zusammengebrochen, aufgrund nationaler Interessen, Neid und Überlauf zu den reichen Staaten Senegal & Elfenbeinküste. Es gibt halt überall die selben Probleme.
  • Familie: Alle Generationen einer senegalesischen Familie wohnen zusammen in einem Haus. Das Haus kann dabei reichlich voll werden, denn es gilt die Devise: umso mehr Kinder, umso mehr Ernährer hat man im Alter. Mein Guide hat bereits 10 Kinder.
  • Sozialen Zusammenhalt: Besonders in den kleinen Dörfern ist der soziale Zusammenhalt groß. Man hilft sich gegenseitig. Senegal trägt den Titel „Land of Hospitality“. Allerdings setze sich in großen Städten wie Dakar immer mehr das „eigensinnige westliche“ Leben durch.
  • Seine Hochzeit: Mein Guide feiert bald Hochzeit. Er spart seit 10 Jahren dafür. Zur Hochzeit gibt es traditionell ein großes Fest. Die vielen Verwandten sind natürlich eingeladen. Aber nicht nur die: kommen darf jeder, der von der Hochzeit mitbekommt oder zufällig dran vorbeikommt. Er rechnet mit 1200 Gästen. Und niemand darf alle müssen satt nach Hause gehen!

Wir kommen auf der Insel Gorée an.

Hier leben ein paar hundert Menschen, die hauptsächlich vom Verkauf verschiedenster Kunstgegenstände leben. Dabei gilt wohl die eiserne Regel: Niemals etwas wegwerfen! Auch ausgediente Handys und Fernbedienungen können noch zu Kunst werden:

Bekannt ist die Insel jedoch für als ein Dreh- und Angelpunkt für Sklavendeportation nach Nord- & Südamerika, und auch nach Europa. Das letzte bestehende Sklavenhaus gibt einen Eindruck davon. Die Sklaven waren angekettet und auf engstem Raum zusammengepfercht. Man hat sie auf 60kg hochgefüttert, von ihren Familien getrennt und ihnen Nummern statt Namen gegeben. Die Hälfte starb aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen. Das Sklavenhaus ist sehr bedrückend, die Enge in Fotos kaum wiederzugeben.

In 2 Stunden umlaufen wir die Insel und fahren dann zurück nach Dakar. Der Fahrer wartet zum Glück bereits auf mich. Es ist später Nachmittag. Wir fahren noch ein wenig durch Dakar. Ich sehe das Zentrum, das kommunistisch anmutende, überdimensionierte „Monument Afriquaine“ und die Küste. Der Fahrer bemüht sich, mir die rechts und links vorbeiflitzenden Sehenswürdigkeiten im Schnelldurchlauf zu verdeutlichen, auch die unwichtigen: „Une ambassade … Une banque … Une autre ambassade …“ Aus dem Auto heraus ist das Fotomachen jedoch sinnlos. Und Botschaften find ich nicht sonderlich fotogen.

Mein Interesse schwenkt um auf den Straßenverkehr. Stockend, hupend, laut. Der Großteil besteht aus verbeulten, teils zusammengeschweißten Taxis. So weit, so afrikanisch. Laut meinem Fahrer gibt es 5 Millionen Taxis in Dakar. Das kann ich kaum glauben. Was ich jedoch glaube bzw. am eigenen Leib erfahre: rote Ampeln, dauerhaft blinkende Blinker & Farbahnmarkierungen werden ignoriert. Es herrscht das Gesetz von Hupe und Handzeichen.

Am Abend gehe ich Essen, superleckeres Rinderfilet für nicht mal 10€. Es wirkt zwar wie eine kleine dunkle Bar, aber falls ihr Mal im Stadtteil Ngor seid, geht ins El Toro.

Tja, und das war er auch schon, mein Besuch in Dakar bzw. Senegal. Ich habe nur wenig erlebt, wenig gesehen und wenige Fotos geschossen. Sehr schade. Aber Jammern hilft nicht

Ich gehe früh zu Bett, denn mein Flieger geht um 6:50h, d.h. Aufstehen um 3 Uhr. Der Wecker weiß Bescheid, Sachen sind gepackt, Taxi ist bestellt. Zumindest meine Organisation funktioniert.


2 Kommentare

Marcus · 27. Januar 2017 um 14:31

Hi rori,

schöne Bilder, auch wenn die Geschichte dazu nicht so schön ist …

Ich glaube da ist ein Fehler im Text. Die 1200 Gäste auf der Hochzeit sollen bestimmt alle satt werden, oder?
Da kommt mir meine Hochzeit mit 120 Leuten gerade etwas winzig vor.

Schöne Reise!

Marcus

    rori · 28. Januar 2017 um 16:30

    „niemand darf satt nach Hause gehen“. Das wäre ja mal eine schöne Tradition.

    Ich hab’s korrigiert. Danke für den Hinweis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.