Warum bin ich überhaupt in Marokko? (Keine Angst, das ist eine rhetorische Einleitung, keine Desorientierung meinerseits). Marokko gibt mir einen Eindruck von einer muslimisch geprägten Kultur. Ich habe das Gefühl, nur eine einseitig durch Islamismus und Terror geprägte Vorstellung vom Islam zu haben. Dem möchte ich etwas Positives entgegensetzen. Marokko ist dafür am Besten geeignet. Es ist politisch sicher, Touristen-freundlich und die Amtssprachen sind Arabisch und Französisch. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass ich mein in den letzten 2 Monaten aufgefrischtes Französisch üben kann.

Mein erster wacher Eindruck vom Hotel: Hart schlafen, weich frühstücken. Die Matratzen bestehen aus Schaumstoffgranit. Beim Frühstück thront man dagegen auf wolkig-fluffigen Stühlen. Es gibt lapprigen Toast, einige Teig-Fladen, leckeren marokkanischen Tee und Gyros. Ich kämpfe mich bis zum Gyros durch.

Auch das Zimmer bietet neue und doch irgendwie bekannte Kost:

Das Wetter ist sehr angenehm: 20° in der Sonne, leichter frischer Wind, keine Wolke am Himmel. Eben ein typischer Winter … in Marokko.

Ich mache einen Stadtbummel, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Viel Verkehr, viele Cafés. Die Bürgersteige sind dreckig, teils uneben, zugeparkt oder zugestellt – aber es gibt sie immerhin.

 

In Marktnähe wird man von vielen Leuten angesprochen, Gürtelverkäufer, Bettler, Tempo-Taschentuch-Verkäufer – mal mehr, mal weniger aufdringlich. Ich mag es nicht, schaue aber erst Mal was sie wollen.

Ein Herr im blauen Anzug nimmt mein Tempo an. Er stellt sich als Maler und Fotograf vor, spricht über die Architektur Casablancas. So weit, so ungewöhnlich. Ich lasse ihn reden. Als ich mich als Deutscher oute, fängt er an, Deutsch zu sprechen. Nicht dieses einschmeichelnde „Herzlich willkommen, mein Freund“ vieler Händler. Nein, ganze, grammatikalisch korrekte Sätze. Er lebte wohl 1 Jahr in Düsseldorf, bei seinen Verwandten. Nach 5 Minuten gehen wir wieder ins Englische über. Ihm bereitet die deutsche Grammatik wohl Kopfschmerzen 😉

Er nimmt mich mit auf eine Tour durch die Altstadt Casablancas, mit den französisch geprägten Art déco-Häusern. Viele davon seien vor der Ernennung zum UNESCO-Kulturerbe abgerissen worden, wohl weil der Islam diesen europäischen Stil nicht dulde. Tour und Gespräch sind interessant. Als wir jedoch immer tiefer in Nebenstraßen geraten, gebe ich vor, noch eine Verabredung zu haben. Wie ich schon annahm, veranstaltet Abdel die Tour nicht ganz selbstlos. Ich gebe ihm 20€ und verabschiede mich. Letztlich ist es zu viel Geld, aber seine Art war irgendwie sympathisch. Nur schade, dass seine Website gerade nicht funktioniert …

Abends gönne ich mir einen Restaurantbesuch, eher ein zufälliger Griff direkt in Hotelnähe. Es bietet europäisches Ambiente, europäische Küche und freitags sogar Live-Jazz-Musik. Das trifft sich gut, heute ist Freitag.

Das Menü ist komplett auf französisch. Englisch kann der Kellner nicht. Also komme ich nicht drum herum, französisch anzuwenden. Erste Lektion: escalope = Schnitzel. Hm, aber aus Schwein kann es ja wohl schlecht sein. Na schauen wir doch einfach mal.

Ich bekomme eine dünne Schicht Fleisch mit ebenso dünner Käseschicht, umschlossen von zwei dünnen Panadenschichten. 4x dünn = 1x mitteldick. Dazu gibt’s Bandnudeln Bolognese. Schmeckt gar nicht schlecht. Es mischt sich jedoch mit dem Zigarettenqualm des Nachbartisches. Welches Fleisch das letztlich war? Ich vermute Rind … und ein Hauch von Camel.

Der Abend war angenehm. Das lag auch an der Live-Jazz-Musik. Und da ich satt war und ich auch noch mit dem Kellner scherzte, gebe ich mir für meine erste Französisch-Prüfung ein „mit Gut bestanden“. Aber die härtesten Prüfungen kommen erst noch: spätestens in Gabun. An dieser Stelle sei Frau Gärtner, meine damalige Französisch-Lehrerin am Gymnasium Löcknitz, gegrüßt und gedankt.


4 Kommentare

Rittwag Anke · 4. Januar 2017 um 20:34

Hallo Robert, ein gesundes neues Jahr wünsche ich dir.
Deine Reise hat ja mit einigen Unwegbarkeiten begonnen die du ja noch zum Guten klären konntest. Ich hoffe die nächsten Tage laufen ohne Probleme ab. Danke dass du uns wieder Teil deiner Reise sein lässt. Liebe Grüße Anke

    rori · 5. Januar 2017 um 9:19

    Ich wünsch dir auch ein gesundes neues Jahr. Ja, ein paar Problemchen gibts halt immer. Man muss nur einen kühlen Kopf bewahren … was mir am ersten noch nicht besonderes gut gelang. Aber ich hab ja noch Zeit zum Üben. Und dass sich der Rucksack wieder anfand, war Glück.

Oppa Hansen · 5. Januar 2017 um 10:40

Hey rori, dein Blog liest sich wieder super. Er macht großen Spaß beim Lesen. Mach weiter so! Die Story mit Abdel verursachte irgendwie ein ungutes Gefühl bei mir. Vermutlich ist das übertriebene europäische Sorge, weil meine Eltern uns immer eingebläut haben: Gehe nie mit Fremden mit. Viele Grüße.

mbe · 10. Januar 2017 um 15:32

> … und ein Hauch von Camel.

ich schmeiß mich weg 🙂
Guter Wortwitz!!!
Ich geb dir ein „sehr gut bestanden“

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