Ich verliere langsam das Gefühl für Zeit. Ist heute tatsächlich schon Abreisetag? Hier in Lopé ticken die Uhren etwas anders … bzw. gar nicht, denn ich habe noch nicht eine einzige Uhr gesehen. Zudem lebt man hier ohne WLAN, tagsüber ohne Strom (der Generator des Dorfes läuft nur nachts) und fast abgeschnitten von der Außenwelt inmitten schöner Landschaft. Aber genau diese „Mängel“ gehören auch zum Luxus, den das Hotel bietet … nebst dem Swimming-Pool. Hier lässt es sich leben.

Da Donald Trump heute offiziell vereidigt wird, sollte ich vielleicht noch ein paar Tage bleiben. Nur zur Sicherheit 😉

Am Abend kommt mein kanadisches Lieblingspärchen von ihrer 2-tägigen Gorilla-Safari zurück. Die beiden bleiben noch 2 Tage länger als ich. Das kann ihnen jedoch zum Verhängnis werden, denn anscheinend wird ab Sonntag die Bahnstrecke bestreikt. Die Dorfbewohner in Richtung Franceville protestieren gegen die mehrmonatige Sperrung ihrer Straße. Sie wären abgeschnitten von jeglicher Lebensmittellieferung. Daher sperren sie aus Protest die Bahngleise.

Wann und wie Martine und Eric nach Libreville kommen, steht also noch in den Sternen. Aber die beiden freuen sich schon darauf, ihrer Sammlung eine weitere Reisegeschichte hinzufügen zu können. Und ich freue mich darauf, sie zu hören, denn Martine und Eric boten mir an, sie in Montréal besuchen und ein paar Nächte bei ihnen schlafen zu können. Merci beaucoup!

Nun heißt es Abschied nehmen von Lopé, von Emar, von Rémy, von der schönen Natur, von diesem einzigartigen Hotel „mitten im Regenwald“. Es war eine schöne Zeit. Ich bin sehr froh, dass ich den Trip nach Lopé organisieren konnte.

Mitternacht. Ein Fahrer bringt mich zum Bahnhof. Der Zug kommt erst in einer Stunde. Na gut, die Stunde krieg ich noch abgesessen. Wenigstens läuft Musik, denn direkt am Bahnhof ist die Dorfdisco in vollem Betrieb.

1:30 Uhr. Der Gegenzug fährt mit leichter Verspätung ein. Da Lopé auf der Hälfte der Strecke liegt, kann es ja nicht mehr lange dauern. Nach kurzem Halt fährt der Zug weiter.

2 Uhr. Auf dem Bahnsteig warten noch andere, darunter auch ein eineindeutig Betrunkener. Er schwankt und schreit lallend umher. Er bequatscht wahllos Leute. Komm nicht zu mir! Komm nicht zu mir! … Er kommt auf mich zu.

Er begrüßt mich erstaunlich höflich und leise. Ich tue, als könnte ich nichts verstehen … und dabei verstehe ich ihn für seinen Zustand erstaunlich gut. Er spricht langsam und nuschelt nicht. Ich sollte Französisch ab sofort nur noch mit Betrunkenen sprechen. Nach ein bisschen Geplänkel bittet er um Geld. Ich lehne höflich ab. Nach einem erneuten Versuch gibt er auf und zieht weiter.

Da auch die anderen nichts für ihn übrig haben, verlässt er den Bahnsteig. Beim Weggehen schimpft er ein letztes Mal und zeigt aus sicherer Entfernung sein Genital. Das mit dem Hoserunterziehen läuft bei uns irgendwie anders. Aber zum Glück ist die Nacht genau so schwarz wie er.

3 Uhr. Von meinem Zug ist immer noch nichts zu sehen. Eine Ansage wies auf eine Verspätung hin, soweit ich verstand. Alle Mitwartenden sind jedoch geflüchtet. Wissen die mehr? Ich übe mich in Geduld.

Nun darf ich also doch noch nachts mitten im Regenwald allein am Bahnhof sitzen. Ein Traum wird wahr. Wenigstens hat die Dorfdisco noch Betrieb. Dort sitzen noch ein paar Dörfler am Tisch und diskutieren. Schön, dass sie mir aus der Ferne Gesellschaft leisten.

Der Betrunkene kommt wieder, zeigt auf die Gleise und will mir irgendwelche Tipps geben. Anscheinend wird er langsam wieder nüchtern, denn ich verstehe ihn nicht mehr.

3:30 Uhr. Endlich kommt der Zug an! Ich habe ja auch lange genug warten dürfen. Ich steige ein. Laut Ticket habe ich einen reservierten Platz. Das sehen die schlafenden Menschenteile im Zug anders. Ich finde einen freien Platz und schlafe.

Viel Schlaf ist es nicht. Das lässt mich jedoch den Vorteil der fast 3-stündige Verspätung genießen: Der Zug kommt erst im Hellen an und ich sehe um mich herum den wunderschönen Regenwald, in den die Eisenbahnstrecke geschlagen wurde.

Am Bahnhof in Libreville sehe ich die Mecklenburger Fußball-Fans wieder, jedoch nur aus dem Taxi heraus. Sie sehen müde aus, sind im selben „Nachtzug“ aus Franceville wiedergekehrt. Sie haben sich sicher vorgestern das Spiel angeschaut. Ich bin froh, stattdessen in Lopé gewesen zu sein.

Kategorien:  🌎 Runde 2Gabun

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.