Die Moschee Hassan II ist die größte Moschee Afrikas. Sie ist mit dem Vorsatz der Toleranz gebaut worden, lehnt sich gar an andere Religionen an. So ist ihre Form nicht quadratisch, sondern gleicht bewusst einer christlichen Kirche. Auch aus Judentum und Buddhismus wurden Stilelemente übernommen.

Die Moschee ist – wie viele andere Moscheen – für Nichtmuslime zugänglich. Ich nehme an einer Führung teil. Da verschiedene Sprachen angeboten werden, habe ich mich brav am Schild „Deutsch“ platziert … ich hasse solche brandmarkenden Schilder! Am liebsten wäre ich zum Schild „English“ übergelaufen. Solch ein Outing als Deutschsprachler bringt einem meist ein langweiliges und überflüssiges Gespräch mit nervigen Touristen ein, die hocherfreut sind, dass hier noch „andere Deutsche“ sind und sich „diesen Islam“ mal genauer ansehen.

Ein Tiroler sprach mich an. Immerhin kein „anderer Deutscher“. Er und seine Frau waren um die 50, wirkten nicht urtypisch touristisch, aber etwas bewusst übercool. Er meinte, wir wohnen im selben Hotel. Gesehen habe ich ihn bisher nicht. Ihm sagt „der Ort Mecklenburg-Vorpommern“ nichts. „Ist das im ‚Ex-Osten‘?“ fragt er scherzend und entschuldigt sich anschließend für seine lockere österreichische Mundart. Ich sage „Kein Problem.“, revanchiere mich aber später.

Unser Gespräch ist etwas holprig. So richtig verstehen tun wir uns nicht, thematisch und manchmal auch sprachlich nicht. Wir kommen halt aus zwei vollkommen verschiedenen Kulturkreisen 😉

Zwei positive Dinge habe ich aus dem Gespräch jedoch mitgenommen:

  • Ich bin neidisch, denn die Beiden fahren in einem Leihwagen durch Marokko. Dadurch lassen sich das Land und seine Kultur sehr gut erkunden. Auf das Erkunden von Casablancas Verkehrschaos verzichte ich jedoch gern.
  • Die Beiden lehrten mich den (wohl österreichischen?) Begriff „Bildungskarenz“ als Synonym für Auszeit/Sabbatical. Das gefällt mir sehr. Das übernehme ich … status changed from „Auszeit“ to „Bildungskarenz“.

Und damit zurück zum Bildungsauftrag: Die Moschee bietet mehr als 20.000 Betenden Platz. Größe und Ausgestaltung sind beeindruckend. Länge, Breite und Höhe der Halle ergeben in Summe 365 Meter, soviel Meter wie Tage im gregorianischen Kalenderjahr. Das Dach lässt sich innerhalb 30 Sekunden öffnen. Der „Turm“ ist das höchste Minarett der Welt und hat 1100 Stufen.

Ich lerne viel über die Riten des Gebets, von der Waschung über die Geschlechtertrennung bis hin zum Pflichtgebet am Freitag. Sehr interessant. Und endlich weiß ich, warum ich im Hotelzimmer bereits mehrere Male ein durch einen Lautsprecher gerufenes „Allahu Akbar“ vernahm.

Was ich allerdings in den letzten Tagen bereits selbst feststellte: wenn der Muezzin vom Minarett zum Gebet ruft, werfen sich die Menschen nicht urplötzlich gen Mekka. Und er ruft ja immerhin 5 Mal am Tag. Für Chirurgen oder Piloten ist solch ein „pünktliches Gebet“ ohnehin unmöglich durchzuführen und darf in unpassenden Situationen natürlich aufgeschoben werden. Aber hat man als Angestellter denn täglich 5 „passende Situationen“ parat? Oder schiebt man alle 5 Gebete bis zum Abend auf?

Immerhin bekennen sich über 90% der Marokkaner zum Islam. Nicht alle werden ihn in voller Strenge ausüben. Auch der Tour-Führer meinte, dass die Marokkaner ihre Religion recht milde und stärker säkularisiert ausüben, als es beispielsweise in Iran oder Saudi Arabien der Fall ist.

Das wird schon daran offensichtlich, dass nur knapp 50% der Frauen sich verschleiern. Aus meiner naiv-europäischen Perspektive heraus erkenne ich 2 Arten der Verschleierung:

  • Die Mehrzahl der Verschleierten trägt lediglich ein Kopftuch, sodass zumindest die Haare, nicht aber das Gesicht der Frauen bedeckt ist.
  • Deutlich seltener sehe ich den Niqab. Er bedeckt auch das Gesicht. Den Frauen bleibt nur ein Sichtschlitz. Der Niqab entspringt einer strengeren Auslegung des Koran.

Von einem Menschen nur die Augen zu sehen, wirkt auf mich befremdlich. Ich will hier jedoch keine Kopftuch-/Verschleierungsdebatte lostreten. Darüber reden wir in Europa schon viel zu viel und mit nur mäßigem Hintergrundwissen. Nur soviel: Das Burkaverbot halte ich für Aktionismus profilierungsgeiler Politiker. Sie wissen ja z.T. nicht mal, was eine Burka ist.

Auf der Suche nach einem guten historischen Museum erwische ich ein kleines, schlechtes mit einem Haufen Plunder … und Kitsch:

Mittagessen: Kebap (Fleischspieß) und Pommes, dazu Brot und Tomatensalat. Marokkanisches Fast Food. McDonalds muss seine lapprigen Pommes hier geklaut haben. Nur den Senf haben sie durch Ketchup ersetzt.

Am Nachmittag schaue ich mir das Villenviertel Casablancas an. Gähn!

Ich hätte auch gern den in der Nähe befindlichen königlichen Palast gesehen, aber der war schon 1km vorher durch viel Militär abgeriegelt. Solch drastische Sicherheitsmaßnahmen sind in Casablanca die Ausnahme. Sie sind auch nicht nötig. Casablanca wirkt auf mich sicher. Die Leute sind nicht bedrohlich und lassen z.T. ihre Eingangstüren offen.

Nach 5 Stunden Umherlaufen und ca. 20km spüre ich die noch nicht an mich gewöhnten Schuhe. Bereits am ersten Tag bildete mein Körper aus Protest eine Blase, die heute vor Anstrengung schrie. Ich suche mir einen schönen Park, setze mich auf eine Bank und genieße den Sonnenschein. Ich sehe einige Läufer, die wohl für den Casablanca Marathon Ende Januar üben. Mein Kopf ist neidisch, doch meine Füße wenden sich ab.

Nur wenige Menschen wünschten mir bisher ein „Bonne Année“ (Gutes neues Jahr), dabei ist heute Silvester. Gefeiert wird der Tag hier nicht, denn er hat christlichen Ursprung. Meine Recherche nach einem Feuerwerk irgendwo in Casablanca blieb ergebnislos. Auch aufgrund der Strapazen des Tages genieße ich die Feierlichkeit von meinem Hotelzimmer aus. Um 23 Uhr ist es so weit: in Deutschland wird gefeiert. Ich mache mir vor dem Fernseher sitzend eine Tüte Chips auf.

Beim Durchzappen entdecke ich Dieter Bohlen. Der hat sich in den letzten Jahren kaum verändert:

Gegen Mitternacht lokaler Zeit begebe ich mich auf die Terrasse und warte gespannt. Der Himmel bleibt dunkel, die Nacht leise. Die Überraschung bleibt aus. Nur in ein paar Kilometern Entfernung steigen 3-4 Raketen auf und verglühen beschämt. Ein ungewöhnlicher Silvesterabend. Ungewöhnlich, aber nicht enttäuschend. Denn mich begeistern weder Geböller, noch Alkohol oder große Feten allzu sehr. Da genieße ich lieber die Ruhe der Nacht.


1 Kommentar

mbe · 10. Januar 2017 um 15:47

Gesundes neues Jahr übrigens … 😉

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