Ich bewege mich immer noch sehr vorsichtig ob der Sicherheitslage. Ich halte mich an die Hinweise, die in unserem Zimmer aushängen, obwohl die vertrauenswürdige Hostel-Mitarbeiterin sie abtut. Zumindest kann ich jetzt schon mein Viertel abstecken: es ist recht klein, erstreckt sich ca. 500m entlang einer Straße, der Fox Street. Es gibt Cafés und Restaurants in europäischem Stil, Hipster laufen mit ihren MacBooks herum. Es ist sicher, auch da an jeder Straßenkreuzung ein Sicherheitsmann steht.

Biegt man jedoch in die Parallelstraße ab, so lässt der Hipster-Chic spürbar nach. Die Straßen sind dreckiger, die Läden werden zu kleinen vergitterten Mini-Supermärkten und Imbissen. Kauft man in einem dieser Mini-Supermärkte ein, so begibt man sich unfreiwillig in einen Thriller:

Vor dem Eingang des Mini-Supermarkts steht ein un-uniformierter Wachposten, der mich beim Betreten skeptisch und angespannt beäugt. Beim Betreten des Ladeninneren schaut mich der Kassierer ebenso angespannt an. Zudem verfällt er in eine Art Schockstarre. Er bekommt vor Angst keine Begrüßung zustande, gerade mal ein leichtes Nicken. Bei jedem hereintretenden „Gast“ scheint er um sein Leben zu fürchten.

Während ich meine Einkaufsliste abarbeite, spüre ich im selben Gang einen Mitarbeiter nach einer Schein-Arbeit suchen, die eine gute Sicht auf mich bietet. Manchmal mache ich mir einen Spaß daraus, wechsle den Gang vor und zurück, vor und zurück. Glaubt er wirklich, der große weiße Tourist mit den tätowierten Armen will etwas klauen? Ich habe nicht mal einen Rucksack dabei und nur ein T-Shirt an. Wo soll ich mir die 1,5l-Flasche Wasser denn hinstecken?

Ich gehe zur Kasse. Der Kassierer hat den Schock meiner Anwesenheit noch nicht überwunden und reagiert nicht auf meine erneute Begrüßung. Sein Adamsapfel springt auf und ab. Er beobachtet mich, während er die Preise auf dem Taschenrechner eintippt. Was befürchtet er nur? Dass ich ihm mit dem Taschenrechner den Schädel einschlage? Ihn mit Hilfe der Wasserflasche ertränke?

Ich will ihn nicht weiter beunruhigen, bin mir jedoch unsicher, wie ich mich verhalten soll. Soll ich Empathie entwickeln und vor mir selbst Angst bekommen? Soll ich seine Erwartungen erfüllen und eine Pistole ziehen? Ich beschließe, einfach freundlich zu bleiben. Helfen tut es nicht.

Ich händige ihm das Geld aus, er mir die Einkaufstüte. Er wirkt erleichtert. Der Thriller scheint überstanden. Er bekommt sogar eine Verabschiedung heraus. Nun heißt es für mich, die errungenen Lebensmittel sicher ins Hostel zu bekommen. Mein Kopf versetzt mich in Diebstahl-Alarm. Nach bangen zwei Minuten schnellen Schrittes komme ich sicher im Hostel an. Die Anspannung legt sich. Happy End.

Sicher ist dieser kleine Thriller überspitzt. Eine gewisse Anspannung verspüre ich trotzdem, sowohl empathisch als auch selbsterzeugt. Ich habe noch keine bedrohliche Situation erlebt. Auch im Hostel bin ich bisher niemandem begegnet, der überfallen oder bedroht wurde. Es ist jedoch schwierig, ein objektives Sicherheitsgefühl passend zur Realität zu entwickeln, wenn ich die Realität nicht einschätzen kann. Aus Selbstschutz erzeugt mein Kopf daher viele Ängste. Die meisten davon sind unbegründet. Nur wie unterscheide ich sie von den begründeten?


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