Nur wenige Orte gaben mir bisher das Gefühl, in vollem Einklang mit der Natur und mit mir selbst zu sein. Zwei dieser friedvollen, wunderschönen Orte habe ich in Kyoto und Hawaii auf meiner ersten Weltumrundung gefunden. Ich bin froh, einen weiteren hinzufügen zu können:

Fotos drücken mein Gefühl nur unzureichend aus. Das Hotel Lopé liegt in der Flussbiegung des Ogooué-Flusses und hat zur Trockenzeit einen Strandabschnitt. An diesem Strand gibt es einen großen, flachen, schattig gelegenen Stein, von dem aus man den Panoramablick auf den reißenden Fluß und die grünbewachsenen Berge am anderen Ufer genießt.

Besonders die Geräuschkulisse ist beeindruckend. Die Flussbiegung sorgt für ein allumgebendes Dolby-Surround-Rauschen. Einfach wunderschön! Hier könnte ich Stunden verbringen.

Doch ich muss mich fürs Erste losreißen: Heute steht eine Exkursion in den Urwald an.

Rémy zeigt uns Bäume & Pflanzen, zählt deren Nutzen und heilende Wirkung auf und erklärt wie man im dicht bewachsenen Wald navigiert. Ach ja, und er zeigt uns die fruchtbaren Scheißhaufen von Affen, Elefanten und Büffeln.

Wir sind damit beschäftigt, aufzupassen wo wir hintreten, auch um nicht durch Rascheln oder unbedarfte Geräusche Tiere zu verscheuchen. Rémy hat seine Konzentration ganz woanders. Er hört eine Antilope, 3 Affen, einen Elefanten:

Zu sehen bekommen wir jedoch nur die Affen, in weiter Entfernung. Zugegebenermaßen bin ich auch nicht wild darauf, einem Elefanten im Regenwald zu begegnen. Trotz der dicht und hoch gewachsenen Bäume sollen Elefanten sich im Regenwald recht schnell bewegen können.

Zum Abschluss fragt uns Rémy, ob wir denn den „Ausgang“ finden würden. Ich lote die Sonnenrichtung aus und sage mit fester Überzeugung „Non!“. Eric hingegen gibt eine genaue Beschreibung. Selbst Rémy ist überrascht und schickt ihn voraus.

Nachmittags bin ich alleiniger Gast im Hotel. Eric und Martine haben noch nicht genug von Flora und Fauna. Sie nehmen an einer weiteren Safari teil und kommen erst am Abend wieder. Das Wetter ist für gabunische Verhältnisse angenehm, da Wolken am Himmel sind und somit keine pralle Sonne. Es ist perfektes Badewetter. Ich genieße den großen Swimming-Pool, mit Blick auf den Fluss. Ganz allein.

Leider geil!

Abends kehrt das Pärchen zurück und setzt sich an die Bar des Haupthauses. Der gabunische Manager des Hotels sitzt mit seiner Frau in der Nähe. Die Vier kommen ins Gespräch, sprechen ein wenig über Politik, Donald Trump und Sozialismus. Das Thema des Abends sind jedoch die verschiedenen Ansichten zum Thema Beziehung und Gleichberechtigung.

Die Kanadier haben ein sehr westlich geprägtes, gleichberechtigtes Bild. Das gabunische Pärchen hält es etwas anders:

  • Er denkt patriarchisch: der Mann entscheidet, der Mann bezahlt. Der Mann holt das Geld rein, die Frau kocht, putzt und passt auf die Kinder auf. Alles andere ist ein Gesichtsverlust für den Mann und die Familie. Zitat „Ich wäre lieber schwul, als dass ich Teller abwasche.“
  • In Gabun sind 6 Kinder das Minimum.
  • Polygame Beziehungen sind für den Mann traditionell gestattet, trotz katholischen Glaubens. Seine fadenscheinige Begründung ist „Es gibt mehr Frauen als Männer in Gabun“. Sie selbst führen zwar keine polygame Beziehung, entscheidend sei letztlich nur: solange der Mann das Geld und die „Energie“ für alle Frauen hat, ist es kein Problem. Zank vermeidet man durch eine strikte Trennung auf Wochentage: Frau 1: Mo+Di, Frau 2: Mi+Do, …
  • Sie bestätigt, dass ihre gemeinsame Beziehung und viele andere in Gabun nach den beschriebenen Prinzipien verlaufen. Sie vermutet jedoch (ein wenig devot), dass in Zukunft mehr Gleichberechtigung herrschen wird – in 30 bis 40 Jahren.

Es war sehr interessant, auf der linken Seite die Kanadier und auf der rechten Seite die Gabuner ihre Anschauungen darlegen und hinterfragen zu sehen. Und das wichtigste: Da sich alle gegenseitig respektierten, haben wir viel gelacht. Solche Gespräche mag ich, auch wenn ich aufgrund des hohen Französisch-Gehalts nicht viel dazu beitragen konnte. Mein Kopf war mit Verstehen beschäftigt.

Beim Abendessen sitze ich dann mit Martine und Eric allein zusammen.

Ich lobe Eric dafür, dass er im Regenwald eine gute Orientierung bewahrt und uns herausgeführt hat. Da lacht er laut und meint, es war komplett geraten. Die beiden haben sehr viel Spaß am Reisen und begrüßen jedes Abenteuer. So sammeln sie viele Reisegeschichten, die sie nur zu gern mit anderen teilen. Ich mag ihre Einstellung.

Ich bin nur ein wenig irritiert darüber, dass die beiden Weltenbummler die liberale Immigrationspolitik ihres Premierministers Trudeau ablehnen, da sie zu wenig integrativ sei. Zudem ist Martine überzeugte Quebecerin, pocht also auf die Identität und Unabhängigkeit des französisch-beeinflussten Teils Kanadas. Weltoffenheit und nationales Grenzenziehen passen für mich nicht so recht zusammen.

Aber vielleicht sehe ich das zu eng. Weltoffen zu sein heißt ja nicht gleich, seine nationale Identität aufzugeben. Zudem kenne ich mich nicht gut in Kanadas Kultur aus. So wusste ich nicht, dass innerhalb Kanadas eine kulturelle Kluft zwischen Französisch- und Englischsprachlern herrscht. Die Französisch-Sprachler seien sogar bis 1960 bei der Jobvergabe diskriminiert worden. Und das letzte Referendum zur Unabhängigkeit Quebecs schlug erst vor ein paar Jahren fehl.

Aber darum reise ich ja auch. Ich will lernen. Schön, dass ich bereits hier in Gabun so viel über eines meiner zukünftigen Reiseziele lerne. Dann kann ich mir die Reise ja sparen … neee! 🙂

Kategorien:  🌎 Runde 2Gabun

2 Kommentare

Marcus · 31. Januar 2017 um 12:51

Tolle Bilder, tolle Geschichten!!!
Ich freu mich für dich!

cp · 2. Februar 2017 um 14:35

Nichts gegen Elefantendung! Daraus kann man Papyrus herstellen! 😉

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